Die Krippenpädagogik im Wandel der Zeit
Da das Thema außerfamiliäre Betreuung bzw. der Ausbau der Krippenplätze seit einigen Jahren stark thematisiert wurde, ist es in diesem Zusammenhang sicherlich interessant, sich den historischen Verlauf der Krippen anzusehen und Ihnen darum einen kurzen Überblick zur Entwicklung der Krippenbetreuung aufzeigen:- 1844 wurde in Paris eine der ersten Krippen eröffnet
- 1849 entstand in Deutschland die erste Krippe (Verein zur Beaufsichtigung des Kostkindes);
die Kinder wurden in Säuglinge, Kriechlinge und Gehlinge eingeteilt. Neben der Bezeichnung Krippe existierten Begrifflichkeiten wie Säuglingsasyl oder Säuglingsbewahranstalt. Die Pflege und Betreuung wurde von Kindswärterinnen oder Kindsmägden verrichtet, welche von der sogenannten Aufsichtsdame kontrolliert wurden. - Die ersten Krippen wurden im Zuge des gesellschaftlichen Wandels im Rahmen der Industrialisierung gegründet, sie verstanden sich als Nothilfemaßnahme für Kinder aus benachteiligten Familien. Im Mittelpunkt der Arbeit stand die Betreuung, Pflege und hygienische Versorgung der Kinder.
- Gesellschaftliches Interesse an der pädagogischer Qualität dieser Einrichtungen bestand kaum, da man die Krippenbetreuung als unnatürliches Übergangsphänomen betrachtete. Das gesellschaftliche Erziehungsbild war geprägt vom Bild der hingebungsvollen Mutter, die sich naturgemäß der häuslichen Erziehung und Bildung der eigenen Kinder widmete. Dieses idealisierte Mutterbild unterschied sich damals stark von der sozialen und wirtschaftlichen Situation der meisten Familien.
- Im Gegensatz zum Kindergarten begriffen sich die damaligen Kinderkrippen nicht als Bildungseinrichtung , sondern mussten sich mit dem Selbstverständnis einer Nothilfeeinrichtung auseinandersetzen – gedacht für Eltern, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation nur begrenzt zur Pflege, Betreuung und Erziehung ihrer Kinder in der Lage waren.
- Dieses Verständnis setzte sich fort bis zur NS Zeit, wo im Zuge der Familien- und Mutterideologie der Reichspropaganda die Krippen den Gesundheitsämtern zugeordnet wurden. Im Bildungswesen waren sie völlig untergeordnet.
- Während sich in den Nachkriegsjahren in der ehemaligen DDR der Krippenbereich als Teil des sozialistischen Bildungs- und Erziehungssystems weiterentwickelte, wurde in den alten Bundesländern eine kontroverse Diskussion über Krippen geführt, die hauptsächlich von Pädiatern (Kinderheilkunde) und Kinderärzten geführt wurde und vor den schädlichen Folgen warnte.
- Es dauerte bis in die 1990er Jahre, bis durch empirische Studien diese stark medizinisch geprägte Auffassung widerlegt werden konnten. Gleichzeitig wurde der Bedarf an qualitativen Standards für eine Betreuung von Kindern unter 3 Jahren deutlich. Die wachsende fachliche Auseinandersetzung um die Qualität der Kleinstkindbetreuung trug dazu bei, dass zunehmend pädagogische Konzepte in den Fokus des öffentlichen Interesses gerieten.
- Die Diskussion um die pädagogische Qualität für die Kleinsten wurde seit Dezember 2004 mit der gesetzlichen Verankerung des Tagesbetreuungsausbaugesetzes (TAG) und mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Lern- und Entwicklungspsychologie nachhaltig angehoben.
- Im September 2007 beschloss das Bundeskabinett die Förderung des Ausbaus von Krippenplätzen, verbunden mit einem Rechtsanspruch für Kinder ab dem 13. Lebensmonat – diese Regelung soll ab 2013 in Kraft treten.
Ein langer Weg, wenn man bedenkt, dass bereits um 1826 Friedrich Fröbel die Grundlagen für einen neuartigen Denkansatz schuf, aber erst Mitte der 1990er Jahre durch Forschungsergebnisse die Krippe als ein Ort des sozialen Lernens entdeckt wurde. Der Bildungsaspekt ist nun in der Krippenpädagogik angekommen, wird uns mit seiner Definition aber sicherlich noch weiter beschäftigen – was ist eigentlich Bildung?
Über die Bedeutung der frühesten Kinderjahre schrieb Heinrich Pestalozzi schon im Jahre 1801: „Die erste Stunde seines (Säuglings) Unterrichts ist die Stunde seiner Geburt“. Eine besonders gelungene Definition des Begriffs „Bildung“ stammt von Wilhelm von Humboldt um 1809: „Bildung ist die Anregung aller Kräfte eines Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt wechselseitig entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität oder Persönlichkeit führen, die in ihrer Idealität und Einzigartigkeit die Menschheit bereichere.“
Neben anderen Aspekten wird in Humboldts Definition der innere Drang zur Bildung, zur Wissensaneignung betont. Frühkindliche Bildung meint selbstorganisierte Bildung: die „unabsichtliche Selbstausbildung des Kindes“ im Zeichen einer noch nicht enttäuschten Lernlust. Dieses Prinzip nimmt im Kleinkindalter eine Sonderstellung gegenüber anderen Lebensphasen ein.
Wenn wir uns fragen, was Kinder in den jeweiligen Entwicklungsabschnitten brauchen, um ihre Kompetenzen entfalten und ausschöpfen zu können, und mit Einfühlungsvermögen hinsehen, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Dies ist eine Herausforderung, die viel Aufmerksamkeit, Zeit, Kraft und Geduld erfordert, aber auch viel Freude bereitet.
„Die Erziehung von Welt-Erkundern macht jeden Erzieher unweigerlich selbst zum Forscher und Entdecker.“
(Hans-Joachim Laewen)
Quelle: Weiterbildung Krippenpädagogik - Pädagogische Ideenwerkstatt Bagage Habsburgerstrasse 9 79104 Freiburg - 2009
